Zu Gast bei Christel Walter...

...Astrid Reck sprach mit Christel Walter während des Quiltsymposiums in Berlin und während Nadel und Faden in Osnabrück im September 2001.

(aus: „Patchwork-Ideen“ 1/2002 )
Astrid: Sie sind die Kapazität, wenn es um die Mola - Technik geht. Als diplomierte Textildesignerin hatten Sie sicher auch Zugang zu anderen Handarbeitstechniken, z. B. auch zu dem "normalen" Patchwork. Warum gerade Mola? Worin liegt hier der besondere Reiz für Sie?

Christel: Das ist ein Riesenkompliment! Natürlich war ich während meines Studiums mit einer umfangreichen Palette an Textiltechniken konfrontiert, aber meine Ausbildung war gezielt auf den Industrie-Entwurf angelegt und beinhaltete demzufolge kaum die üblichen Handarbeitstechniken. Patchwork kam z. B. überhaupt nicht vor. Bis zum Beginn der achtziger Jahre war Mola nahezu ein Fremdwort. Der Reiz dieser mir völlig unbekannten Textiltechnik lag zum einen darin, dass es sich um eine reine Handnähtechnik handelt, denn meine Begeisterung für das Maschinennähen hält sich in Grenzen. Zum anderen tat sich eine unendliche Gestaltungsvielfalt auf, die mich einfach faszinierte. Heute, nachdem ich mich 18 Jahre mit der Mola-Technik befasse, erkenne ich, dass ich mit den Möglichkeiten noch lange nicht am Ende angekommen bin.

A.: Eine Mola sieht ja auf den ersten Blick unglaublich kompliziert aus, hat Sie das denn nie abgeschreckt?

Ch.: Nein, ich bin ein sehr hartnäckiger Typ und werfe die Flinte nicht so schnell ins Korn. Trotz vieler Frustrationen nehme ich die Herausforderung immer wieder an.

A.: Landläufig ist man ja der Meinung, dass eine Mola aus so vielen Stofflagen besteht wie sie Farben enthält, so dass die Näherin immer genau wissen muss, an wievielter Stelle welche Farbe liegt, damit sie entsprechend tief in die Stoffe hinein schneidet. Ist das wirklich so kompliziert? Dann müsste man ja geradezu genial sein, um eine Mola vorausplanen zu können.

Ch.: Ja, diese "landläufige" Auffassung von der Arbeitsweise der KUNA-Frauen ist leider ein großer Irrtum. Im Grunde ist die Mola eine reine Applikationsarbeit, die sich vom Basisstoff nach oben schichtet. Lage für Lage wird bearbeitet und immer wieder mit einer neuen Lage abgedeckt. Der Begriff "Revers-Applikation" ist, auf die Kuna - Originale bezogen, falsch. Allenfalls kann man von einer "reserved"-Technik reden. Das Missverständnis ist schnell erklärt: 1963 hat ein amerikanisches Magazin einen Artikel des renommierten Victoria and Albert Museums in London falsch wiedergegeben. Das Museum sprach von "reserved technique" und das Magazin machte daraus die "reverse technique". Seit dieser Zeit hat sich der Begriff eingebürgert. Selbstverständlich kann man danach arbeiten. Wenn man nicht mehr als zwei oder drei Schichten bearbeiten will, kann man durchaus von oben nach unten vorgehen. Es würde den Rahmen sprengen, wenn ich hier die Vorgehensweise erklären würde. In meinem neuen, dritten Buch wird es genau erklärt.

A.: Wie viele Stunden am Tag arbeiten Sie mit der Mola - Technik?

Ch.: In der Regel sind es immer fünf Stunden. Aber im Winter und wenn mich eine Arbeit besonders packt, dann können es auch einmal 10 Stunden werden.

A.: Woher nehmen Sie Ihre vielseitigen Ideen?

Ch.: Das weiß ich auch nicht so genau. Auf keinen Fall erarbeite ich mir Ideen. Meistens sind es blitzartige Einfälle, die mich z. B. beim Kartoffelschälen überkommen. Aber auch beim Einschlafen kommen mir oft gute Ideen. Auch Stoffe und Farben vermitteln oft Ideen und Anstöße zu Themen.

A.: Sie haben Grafik und Design studiert, was sicher sehr hilfreich beim Entwerfen der einzelnen Arbeiten ist. Aber kann auch jemand, der in dieser Richtung nicht vorgebildet ist, eine schöne Mola herstellen?

Ch.: Ja, sicher ist die Kenntnis der vielen Kompositionsregeln hilfreich. Im Unterbewusstsein agieren sie bestimmt mit. Aber bevor ich an eine Arbeit gehe, entsteht im Kopf das Bild, das ich nähen möchte. Es gibt keine zeichnerischen Entwürfe, es sei denn ich muss miclh mit der Perspektive auseinander setzen. Während der Arbeit kommen mir viele neue Ideen, die ich dann integriere. Dieses "aus dem Bauch heraus" arbeiten eignet sich gerade für alle, die sich frei, locker und unbekümmert an eine Mola-Arbeit setzen möchten. Eine Vorbildung ist daher eher hinderlich.

A.: Wie viele Mola - Bilder haben Sie schon genäht?

Ch.: Wenn meine Buchführung stimmt, dann sind es jetzt 146 Bilder unterschiedlicher Größe.

A.: Was machen Sie mit dieser Menge? Hängen die alle bei ihnen zu Hause an der Wand?

Ch.: Das ist eine gute Frage. Sie liegen, wenn sie nicht gerade auf Ausstellungen unterwegs sind, im häuslichen Depot. Ganz wenige hängen an den Wänden. Über 50 Bilder sind in meinen beiden Büchern integriert. Auf diese muss ich ständig Zugriff haben können.

A.: Wie kamen Sie auf die Idee zwei Kinderbücher mit Mola - IIlustrationen zu machen?

Ch.: Das bot sich geradezu an. In den meisten Kinderbüchern finden sich gemalte oder gezeichnete Illustrationen. Warum sollten sie nicht einmal genäht und bestickt sein?

A.: Planen Sie noch weitere Bucher?

Ch.: Ja ich bin schon dabei die Fortsetzung von Jan sucht die Jan sucht die Kuna-lndianer und Jan, ich komme zu erarbeiten. Beim Herstellen des Kamels habe ich mir bereits rnein Handgelenk lädiert. Das Kamel soll Jan zu den 7 Weltwundern bringen. Sie sind der Mittelpunkt in diesem neuen Buch Jan trifft Gottvater Zeus. Die vielen Besucher des Symposiums in Berlin haben die Serie 7 Weltwunder schon im Original gesehen. In Osnabrück bei Nadel und Faden habe ich sie ebenfalls ausgestellt. In diesem dritten Buch werden zwei Kurse ihren Platz finden. Der 1. Kurs zeigt die orginale Arbeitsweise der Kuna-Frauen, eben die Mola. Der 2. Kurs beschäftigt sich mit einem Mola-Wandteppich.

A.: Was sagt Ihre Familie zu diesem Hobby, das inzwischen ja schon eine Vollzeitbeschäftigung geworden ist?

Ch.: Mittlerweile ist die Familie hineingewachsen in dieses Unternehmen Mola-Technik. Mein Mann übernimmt für mich alles, was mit Zahlen zu tun hat. Unsere Tochter ist ja seit Jahren dabei. Ihre Domäne sind die Publikationen, die Kurse und letztlich ihre eigenständige Arbeit mit Kindern in der Grundschule zum Thema Mola-Technik.

A.: Woran arbeiten Sie zur Zeit?

Ch.: An meinem dritten Buch und das ausschließlich.

A.: Arbeiten Sie immer alleine, oder tauschen Sie sich mit anderen Mola-Freundinnen evt. in einer Gruppe aus?

Ch.: Von Zeit zu Zeit würde ich mich gern über die Umsetzungsrnoglichkeiten der Mola-Technik austauschen mit jemandem, der sich ernsthaft mit der Technik auseinander setzt. Aber den habe ich noch nicht gefunden. Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich ein Einzelgänger bin, der keine Berercherung für irgendeine Gruppe wäre.

A.: Sind ihre Werke verkäuflich oder können Sie sich gar nicht davon trennen?

Ch.: In den vergangenen Jahren habe ich schon einige Bilder verkauft. Aber ich kann nicht jedes Bild weggeben. Jetzt brauche ich z. B. wieder ca. 30 Bilder für das neue Buch. Und um ehrlich zu sein, ich schaue rnir schon an, wer meine "Kinder" adoptiert.

A.: Wann werden die nächsten Ausstellungen stattfinden?

Ch.: Für 2002 ist nur eine Ausstellung in Berlin in der Galerie Painen geplant, die im April und Mai zu sehen sein wird. Für den Rest des Jahres wird mich der Jan beschäftigen, der unterwegs ist zu den Weltwundern. ich hoffe, dass das Buch Ende 2002 auf dem Markt sein wird.

Wer ist Christel Walter?

Sie ist diplomierte Textildesignerin, die sich seit 18 Jahren mit der Mola-Technik beschäftigt. Man kann sie getrost als die Mola-Expertin Deutschlands bezeichnen. Sie war zwar 30 Jahre lang als Kunsterzieherin an verschiedenen Schularten tätig, gibt aber selbst keine Kurse in der Mola-Technik. Das hat ihre Tochter, die ebenfalls Kunsterzieherin ist, übernommen. Im Gegensatz zu den Original-Molakana, die aus Baumwolle genäht werden, arbeitet Christel Walter inzwischen ausschließlich mit Seide. Zwei Kinderbücher mit den Titeln "Jan sucht die Kuna-lndianer" und "Jan, ich komme" hat sie bereits veröffentlicht. Sie arbeitet an ihrem dritten Buch mit dem Titel "Jan trifft Gottvater Zeus", das Ende dieses Jahres erscheinen soll.

Noch mehr über Christel Walter flnden Sie auf ihrer Homepage: www.christelwalter.de